Anti-Aggressionstherapie

„Ich bin nicht übermäßig aggressiv, ehrlich!“ entgegne ich meinem Psychiater in flehendem Tonfall, ähnlich dem von unserem allseits beliebten Pindle, wenn wieder mal eine von 17 bis 18.000 Skullders-Harle-Frost-Orb-MF-Sosos auf ihn und seine Todgeweihten losbrezelt, als gäbe es kein Morgen. Allerdings war mein Flehen nicht von der Gewissheit geprägt, am Ende doch noch zu gewinnen wie bei unserem Mannequin im dezenten Mausgrau, nach dem Motto: „Ich geh zwar wieder drauf, aber DU kriegst KEINE Windforce, HA!“

„Doch, Antiaggressionsübungen müssen sein. Sie wissen genau wozu Sie im Stande sind, wenn sie aus dem B.net kommen und ehrlich gesagt, Ihre Hausratversicherung macht das nicht mehr lange mit und ich auch nicht.“
„Der kriegt hier den 50� Stundenlohn und will MICH unter Druck setzen? PAH!“, denke ich bei mir und nicke geistesabwesend.
„Passen Sie auf. Jedes Mal, wenn Sie der Meinung sind, Sie müssten PC-Mäuse an der Wand zerbersten lassen oder Ihre Keyboard-Tasten kreativ neu arrangieren – speziell in Richtung Fußboden – schließen Sie die Augen, zählen von drei an rückwärts und atmen tief durch. Das machen Sie die ganze Woche so und wir sehen uns dann bei unserem nächsten Termin nächsten Montag wieder.“
Moment, Termin ? Hat er gerade Termin gesagt? Verdammt, ich war doch mit nem Barb zu einem Keyrun verabredet in… VOR zehn Minuten! Immer dieses Real Life. Das muss einem auch wirklich alles versauen. Dabei ist dieser Barb ne Granate, zumal ich mit meinem schwachbrüstigen Zealer gegen Nihlatak und seine unloyale Art, die Innereien seiner treu dienenden Schweinchen-Dick-Imitatoren mit Hang zur Selbstaufgabe nach ihrem Ableben an den Wänden seiner übel riechenden Behausung zu verteilen, als sei ihm seine Tapete zu langweilig geworden. Unter New Age oder Feng Shui versteh ICH aber was anderes.

„Jetzt aber ab nach Hause“, denke ich mir und eile. Dort angekommen mache ich, was jeder normale D2-Gamer tut, wenn er zur Tür reinkommt. Jacke grob in Richtung Kleiderhaken feuern, (nun ja, sagen wir in Richtung des Raumes, wo man den Kleiderhaken sehen würde, ginge man hinein und um blickte die Ecke) ins PC-Zimmer stürmen und Monitor anschalten. Der PC ist natürlich angeblieben und ich im Bnet eingeloggt, denn während der Psycho-Faselei können ja die Armseeligen, auf immer und ewig zum Level-1-Dasein verdammten Packesel der „Wo ist denn der Mule mit dem kompletten IK-Set hin???“-Gefahr des zwei Stunden-Minimums entfliehen.
Der Monitor beginnt mir verschwommene Umrisse anzuzeigen und langsam erkenne ich das Hauptmenü von LoD überlagert von einem Fenster mit dem Inhalt: „Verbindung zum Battle.net wurde unterbrochen“.
Ich merke wie in mir langsam ein Vulkan ausbricht, ähnlich dem Gefühl, das einen High-Level-Barbaren überkommt, wenn er sich mal wieder von einem zehnmal postenden Chat-Nervtöter dazu hat breitschlagen lassen, ihn durch norm zu ziehen und im Chaos-Sanktuarium an einem Iron Maiden Fluch zu verrecken und liest „Der Tod forderte ein Opfer von 357.209 Gold. Sie haben an Erfahrung verloren.“, während der bereits schon jetzt verskillte Level 12-Necromancer-Bubi laut lacht, ihn als „n00b“ beschimpft und in den Channel verschwindet um den nächsten Hilfsbereiten Menschen zu rekrutieren.

Kurz bevor ich nach dem nächsten Gegenstand greifen und ihn in Richtung Mauerwerk neu lokalisieren möchte, kommt mir in den Sinn, was mein Psychiater mir vorhin sagte. Ich schließe meine trockenen, blutunterlaufenen Augen, (natürlich habe ich die Nacht nicht mit Schlafen verbracht, sondern damit, meine neue HC-Assassine zu leveln, um sie dann an nem Zweifachblitzer-PI-Gespenst in der Geheimen Zuflucht bei lvl 61 rippen zu lassen, weil der hinter mir stehende Brainbug von „Ich-mache-6k-Schaden-und-du?“-Hammerdin sich nicht dazu bewegen ließ, seinen faulen Hintern wegzubewegen. Lieber stand er direkt hinter mir und schrie „ASSA MOVE“.
Daraufhin machte meine Freundin den Termin mit dem Psychiater, weil sie der Meinung war, dass sie ihre Küche gerne auf ihre Art eingerichtet lassen möchte, also intakt und nicht in Einzelteilen im Haus verteilt.).

Ich zähle: 3…2…1 und atme tief durch. Danach geht’s mir schon viel besser.
Ich vergesse die Sache mit meinem Mule, der wie ich sehe immer noch in zehn Tagen abläuft und denke mir: „Och, der läuft ja nicht weg und ich bin ja die nächsten zehn Tage auch nicht im Urlaub oder sonst wo.“ Ja ja… das sagt man dann so… wo war noch mal der Mule mit Griswolds Erlösung und Arkaines Heldenmut???
Nachdem ich diese Sache also auf später verschoben habe, spring ich in den Chat und tippe „&f l“. Ja, ich tippe „&f l“, erstens ist mein Kaffee alle und zweitens bin ich kein zehn-Finger-Tippmonster mit 120 „party plz“ pro Sekunde, wie andere. Kaum findet meine Nachricht „&f l“ ihren Weg in den Chat DEU-46, antwortet auch schon der Erste mit einem geistreichen „lol“ und ein ungebuchter Berufskomiker mit Kompensationsdrang mit der Antwort: „Du hast keine Freunde, rofl !!!“

3……..2……..1……..

Ich tippe /f l und sehe es rattern. Alles offline. Auch der Barb, den ich vor mittlerweile 20 Minuten treffen wollte. Ich gebe es für heute auf und mache was Vernünftiges, zum Beispiel meiner Freundin erklären, warum meine neue Leder-Jacke, die sie mir zum Geburtstag geschenkt hat, im Fressnapf unseres Yorkshire-Terriers vor der Kleiderkammer liegt…3…2…1
Nun gut, für heute habt ihr gewonnen, aber ich komme wieder… nächsten Montag!