Bequeme Helden

In Pixars Trickfilm WALL–E sind die Menschen zu degenerierten, fast kugelrunden Lebewesen verkommen.
Aufgrund umfassend fürsorglicher Roboter, die jegliche Arbeit abnehmen und aufgrund stetiger elektronischer Unterhaltung wird nichts mehr getan, nichts mehr unternommen.
Zum Glück kann uns so was nicht passieren, wir Diablorecken stählen unseren Geist und
Körper im täglichen Kampf mit der größten Herausforderung, die es seit Menschengedenken gibt:

wir bekämpfen heroisch den Teufel selbst.

Wobei, ein klein wenig Erleichterung muss doch erlaubt sein.
Wenn schon die Zauberin sich so bequem durch die Gegend teleportieren kann, warum soll das den anderen Klassen verwehrt bleiben? Und Kampfbefehle und Kampfaufruf, mal ehrlich, das war nur gerecht, dass prinzipiell jeder das für sich in Anspruch nehmen darf.
Immerhin hat man als enigmatischer, harlekinischer, heroldinischer Streiter des Lichts genug damit zu tun, auch bei durcheinander wirbelnden Hämmern den Überblick über die Levelaufstiege und gerechterweise zu kassierende Gegenstände zu behalten.

Keine Sorge, hier wird nicht schon wieder über die häufig beklagten Unausgewogenheiten im Blizzardschen Diablo Spiel gemeckert.
Hier geht es um die Bequemlichkeit an sich. Schon lange wird gerusht anstatt mühevoll durchgespielt, schon lange fristen die aufwändigen Funchars ein Schattendasein und schon lange gilt die Devise „je bequemer desto besser“. Erst in der letzten Umfrage konnte man wieder klar sehen, dass „einfach“ zu spielende Charaktere bevorzugt werden.
Und Blizzard reagiert brav auf die augenscheinlichen Wünsche ihrer Spielergemeinschaft.
In Patch 1.13 gab es zig Verbesserungen für den Spieler, kein einziger erschwerte dem Spielcharakter das Überleben in der Hölle (von der überfälligen Entschärfung des Heiligen Hammers mal abgesehen).
Zurücksetzen der Fertigkeitspunkte, kein Eiserner Jungfrau Fluch mehr im Chaos Sanktuarium, erhöhte Dropraten von Runen, geringerer Explosionsschaden feuerverzauberter Monster, farbige Runen zur besseren Übersicht, um nur die allgemeinen Geschenke an die Spieler zu nennen. Bei den charspezifischen Änderungen kann man vierzehnmal „erhöht“ im Patchlog lesen.
Was früher unter dem Motto „it’s not a bug, it’s a feature“ verkauft wurde, verschwindet langsam aus dem Gesichtskreis und früher vorsichtig zu genießende Spielsituationen entlocken heute höchstens ein Gähnen, bestenfalls kommt Euphorie über den eigenen übermächtigen Spielcharakter auf. Wir sind wirkliche Helden – aber mit einem verwöhnten Anspruchsdenken.

Natürlich handelt der Mensch nach der Maxime größtmöglicher Gewinn bei kleinstmöglichem Einsatz, aber wollen wir das als Basis für unseren Spielspaß?
Permanente Sicherheit und Erfolg ohne eigene Mühen? Sind Funcharspieler die Dummen, machen Spieler, die im Singleplayer lieber einen älteren Patch spielen, etwas falsch? Sind wir noch die wagemutigen Abenteurer, die unter Einsatz von Hirnschmalz, Fingerakrobatik und Angstschweiß sich jeden Zoll in der Hölle ehrenvoll erkämpfen?
Von Blizzard wurde schon gemunkelt, dass Patch 1.13 nicht das letzte Wort zu Diablo 2 bleiben würde. Ob dann tatsächliche neue Herausforderungen oder nur weitere Wohltaten auf uns zu kommen, bleibt abzuwarten.

So hangeln wir uns also von einer Komfortfunktion zur anderen Annehmlichkeit, woher sollten wir es auch anders kennen? Kinder werden Tag ein Tag aus in den Kindergarten oder gar die Schule chauffiert anstatt wie früher selber zu laufen. Das Autofahren wurde durch Servolenkung, Bremskraftverstärker, Navigationsgeräte, etc. immer komfortabler, vorbei sind die Zeiten, da Autofahren Kraft und Vorbereitung erforderte. Wissen ist umfangreich und allzeit über das Internet verfügbar, der körperliche Initiative erfordernde Besuch einer Bibliothek gehört heutzutage quasi in den Bereich der Nostalgie. Auch hier bei inDiablo wird alles getan, um es dem User so bequem wie möglich zu machen.
Nur gut, dass der Beitrag für diese Kolumne per Email geschickt werden konnte. Sonst hätte ich womöglich noch zum nächsten Briefkasten laufen müssen.