Der Sinn von Diablo2

Diablo II beschäftigt uns nun schon längere Zeit. Nachts stehen wir manchmal, durch einen bösen Traum erwacht, auf, schleichen zum PC und streicheln sanft mit den Fingerkuppen über die leicht erhobene Struktur auf dem mattschwarzen Karton, dessen Vorderseite die glühenden Augen eines Dämons zeigt und sehnen uns in die heisse Wüste von Lut Golein zurück, wo die Sommer so viel angenehmer sind, als hier bei uns im regnerischen Norden.

Täglich schreiten wir auf das Schlachtfeld und trainieren unsere Charaktere, verfeinern ihre Fähigkeiten, auf der Suche nach Gegenständen und neuen Schlachten die uns immer weiter bringen, um am Ende den Gegner aller Gegner in’s Angesicht zu blicken – Diablo selbst.

Ich kann von mir behaupten so einige Spiele bis an die Grenze der Möglichkeiten gespielt zu haben. Jedes dieser Spiele hatte dabei einen tieferen Sinn für mich. Mal war er wie bei Quake etwas leichter zu finden, mal brauchte ich, wie bei Tetris, einige Zeit um die Grösse eines Spiels zu erkennen.
Bei Diablo vernahm ich jedoch nach einigen Tagen eine art Unzufriedenheit in meinem Inneren. Was ist der Sinn von Diablo? Ich ging hinaus um Antworten zu finden; Antworten, die meiner Seele die Ruhe zurückgeben sollten, Antworten die mir nach dem Aufstehen und dem Blick aus dem Fenster ein leichtes Lächeln auf das Gesicht zaubern und mir den Grund meines Seins erhellen sollten. Ich bekam viele Antworten während meiner Suche. „Bessere Items finden“ rieten mir die einen. „Bessere Skills erlernen“ entgegneten die anderen. Auch die Anhäufung von Gold und Edelsteinen sahen einige in meiner Welt als Sinn des Spiels an, was mich jedoch noch viel mehr verbitterte. Ein kleiner Junge rief mir von weitem zu: „Die Ladder… oben musst du stehen.. ganz oben“. Ich sank zusammen. Die Ladder – ich dachte das Streben nach weltlicher Anerkennung sei nicht mehr das Ziel der Menschheit!? Hatte ich mich so getäuscht?

Ich begab mich wieder zurück in meine vertraute Umgebung, die blitzende CD in meinen Händen blickte ich in mein verzerrtes Spiegelbild.
Meine Rastlosigkeit musste gestillt werden. Ich spielte das Spiel. Spielte Stunden um Stunden. Es wurden Tage, Tage ohne Schlaf und Nahrung. Ich sammelte Waffen, Edelsteine, Gold und andere als nützlich beschriebene Dinge, viele musste ich liegen lassen. Ich sammelte so viel, dass ich nichts mehr tragen konnte und unter der Last schier zusammenbrach. Ich wanderte zu meinem Lager und verstaute die kostbaren Güter in meiner Kiste und zog erneut aus meine Fähigkeiten zu verbessern und weitere seltene und magische Objekte anzuhäufen.
Nach einiger Zeit geschah es, dass meine in vielen Schlachten erbeuteten Gegenstände erneut auf mein Kreuz drückten, so dass ich wieder einige in meinem Lager verstauen wollte. Dort angekommen musste ich feststellen, dass meine Truhe, die bis jetzt genug Platz bot meine wertvollen Utensilien zu lagern bis zum Rand gefüllt war.

Ein Moment des Schreckens überkam über mich. Meine Hände wurden klamm und fingen an zu zittern. Ich blickte auf mein seltenes Schwert, welches mir so lange treu beim Kampf gegen gefährliche und schauerhafte Kreaturen gedient hatte und mit dem ich einige Geheimnisse während meiner Reisen gelüftet hatte. Wie oft hatte ich es schärfen lassen, wie oft hatte ich die zusätlichen Heilkräfte geschätzt die mir dieses Schwert verlieh.
Stumm blickte ich auf ein anderes Schwert, welches ich auf meiner letzten Reise gefunden hatte. Es war aus purem Kristall und hatte Einfassungen für Edelsteine, die wenn man sie einsetzt einem unglaubliche Kräfte gegen die Macht des Bösen schenken würden.
In meiner Truhe war wirklich kein Platz mehr für dieses Schwert, mein altes geliebtes jedoch passte auch nicht hinein und beide zu tragen, dafür fehlte mir die Kraft. Ich holte alle Gegenstände aus meiner Truhe heraus, sortierte und belud sie neu, wobei ich feststellen musst, dass ich auf nichts von meinem Hab und Gut verzichten konnte.
Ich musste eine Entscheidung treffen. Eines der beiden Schwerter konnte mich nicht mehr auf meiner Reise begleiten. Der Kummer stieg in mir Hoch und meine Augen wurden glasig. Eine übermächtige Leere kam über mich und ich blickte in den sternenerfüllten Himmel, hoffend auf einen Rat.

Doch ich musste selbst eine Entscheidung treffen; und mit schwerem, schmerzerfülltem Herzen trennte ich mich von meinem liebgewonnenen Schwert. Ich warf es hinfort und sah es glitzernd im nahen Fluss versinken … und da war sie, die Erleuchtung! Wie von einer fremden Macht geküsst, hatte ich mich nicht nur von meinem treuen aber überflüssigen Freund getrennt, nein, ich hatte in einem göttlichen Moment den Sinn des Spieles erkannt: Der Sinn von Diablo besteht doch darin, selbst loslassen zu können. Eine Entscheidung zu treffen und zu lernen sich von Altem zu trennen und Neues zu aktzeptieren.

Forlani
ergänzt von Magikus