Diablo 2 und die Beschleunigung

Es ist einige Jahre her seit ich jenen Vortrag über die „globale Beschleunigungskrise“ gehört habe. Was der Begriff bedeutet? Dass alles immer schneller wird, und dass das ein Problem darstellt. Beispiel gefällig?
Seit wie vielen Jahren wäre es nun schon möglich, Stammzellen aus menschlichen Embryonen zu entnehmen um sie für medizinische Zwecke einzusetzen? Ob das aber eigentlich moralisch vertretbar ist – tja, darüber sitzen nun bestimmt schon seit ebenso vielen Jahren Ethik-Kommissionen und zerbrechen sich den Kopf. Eine solche Entscheidung ist ein Vorgang, der nun einmal etwas Zeit benötigt. Zeit ist aber genau das, was eigentlich nicht vorhanden ist: Während die Kommissionare sich noch den Kopf über einen Punkt zerbrechen, ist die Forschung gedanklich schon längst drei Punkte weiter, und Punkt eins wäre bereits überflüssig oder zumindest arg überholt. Die Vorstellung darüber, was möglich wäre, läuft schneller vorwärts, als die Überlegungen, was es für Konsequenzen hätte, hinterher zu kommen imstande sind.

Weiteres Beispiel?
Bis zu dem Zeitpunkt, an dem der gesetzgebende Apparat auf eine zum Beispiel wirtschaftliche Situation reagieren kann, indem er ein regulierendes Gesetz erlässt… tja, bis dahin hat die Wirtschaft doch eigentlich schon wieder ganz andere Probleme, oder es sind neue Faktoren dazugekommen, die im bisherigen Gesetz nicht berücksichtigt sind. Auch die Mühlen der Legislative mahlen nun einmal langsam. Aber ein Gesetz braucht eben eine gewisse Reifezeit. Es ist etwas wichtiges, das viele Menschen betreffen wird, das muss auf Herz und Nieren geprüft und sorgfältig abgeklopft werden. Das wünschen wir uns doch schließlich alle!

Weiteres Beispiel?
Schon mal aufgefallen wie schnell der eigene, gerade neu gekaufte PC „veraltet“ ist?

Gut, aber wo rührt diese Beschleunigung her? Jeder kann es sich wohl denken: Konkurrenzdruck! Der frühe Vogel fängt den Wurm. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst (übrigens auch in den Mühlen der Legislative). Höher schneller weiter. Klar, dass dann alles schneller werden muss, auch wenn die Geschwindigkeit der regulierenden Apparate (und dazu gehört wohl auch das eigene Gehirn) da nicht mithalten kann.

Am 1. Aug. 2005 kam nun jener unerwartete Patch 1.11 für Diablo II heraus. Ich glaube so ca. 19:30 Uhr MIT, oder? Es dauerte gerade einmal vier Stunden, bis praktisch sämtliche Runenwörter des neuen Patches durch Entschlüsseln des Quellcodes bekannt wurden. Es dauerte nicht einmal einen halben Tag, bis es Leute gab, die mit jener „Hellfire Torch“ in der Hand ein Spiel verließen. Nicht einmal zwölf Stunden!? Ich erinnere mich einmal zurück, an die Anfangszeiten von Diablo II. Mal ehrlich, wie lange hatte es gedauert bis man eine gute Ausrüstung hatte? Wie lange nach Release-Termin und ein paar Patches, bis das Rezept für das geheime Kuhlevel öffentlich wurde? Doch nicht nur zwölf Stunden, oder!?

Sagen wir es offen heraus: Diablo ist ein schnelleres Spiel geworden, es hat sich also beschleunigt. Aber warum? Nach allem bisher gesagten: Durch Konkurrenzdruck!
Moment mal… Konkurrenzdruck?!
Worum konkurrieren wir hier eigentlich? Ich denke man spielt Diablo MITeinander, nicht GEGENeinander?! Oder?
Sehen wir es uns doch einmal an: Da hat man die Wahl zwischen mittlerweile sieben Typen des Helden, durch die eigene Wahl der benutzten Talente erweitert sich diese Palette noch einmal, sagen wir durchschnittlich um einen Faktor von drei. Macht schon 21 unterschiedliche Arten zu spielen. Gibt es eine beste? Sagen wir mal: Nein. Doch halt! Was, wenn sich mehrere zusammentun? Eine gemischte Gruppe? Die Schwächen des einen werden ausgeglichen durch die Stärken des anderen?! Das ganze wohl doch mehr als die Summe seiner Teile?! Aber ja!
Das wäre ein sozialistisches Prinzip: Alle arbeiten gemeinsam auf das große Ziel hin.

Aber hier ging ich, wie der Sozialismus eben auch, von einem komplett falschen Menschenbild aus.
„Schalten“ wir doch mal diese ganzen Annahmen aus, und gucken was wirklich Sache ist. In der Geschichte von Diablo II zeichnet sich da ein deutliches Bild ab: Erstens, es gab STETS eine Charakterklasse, die bevorzugt war. Angefangen vom Speer-Wirbelwind-Barbar über die Feuerwand-Zauberin bis jetzt zum Hammerdin.
Und noch ein „unsoziales“ Prinzip: Mal ehrlich, die gefundenen Gegenstände werden doch nicht wirklich so verteilt dass Gerechtigkeit herrscht, oder? Wer zuerst aufhebt, der hat. Und gibt nicht mehr her. Diablo-Spieler sind „Behalter“ und keine „Wegschmeisser“. Wer hat, kann tauschen. Wer mehr hat, kann mehr tauschen. Wer mehr tauschen kann, hat bald mehr. Freie Marktwirtschaft im Battle.net. Sozialdarwinismus statt Sozialismus.
Gut. Freie Marktwirtschaft ist ein funktionierendes System. Oder zumindest meistens. Warum also nicht?

Aber jetzt war ja da der Wendepunkt gekommen: Ein paar Patches zogen da doch sehr an der Daumenschraube und hoben das Schwierigkeitsniveau an. Herausforderungen fördern den Spielspaß………………… Echt?!
Da gibt es doch eine Grenze, oder? Spaß bedeutet auch Erfolgserlebnisse, Spaß bedeutet Abwechslung! Macht es also Spaß, ein Gebiet nicht betreten zu können weil man dort wie ein Tropfen auf dem heißen Stein sofort….? Oder auf einen Gegner stundenlang einprügeln zu müssen? Für die paar popeligen Items, die er als „Belohnung“ liegen lässt?

Kein Problem für unsere Vielspieler mit den guten Items: Man konnte sich schon alleine durchkämpfen, bis man dann die ebenfalls neuen Items besaß. Die noch besser waren, ist ja logisch, für härtere Gegner müssen härtere Mittel bereitgestellt werden. Und was mit denen, die nicht so viel hatten? Die durften jetzt sehen wohin sie gingen und noch überleben konnten? Nun gut, man könnte sich zusammenschließen. Gemeinsam ist man wieder stark.
Doch warum sollte das jetzt noch jemand tun? Wer will schon abhängig von anderen sein? Und seit wann hätte es das auch gegeben, man konnte ja einfach Speer-Barbar etc.pp werden und es alleine schaffen. Der Keim des Einzelgänger-Verhaltens war schon längst gesät.
Aber die Rechnung geht doch nicht auf, seht mal: Kommt der nächste Patch – und schon kommt niemand mehr alleine durch! Zumindest nicht ohne die guten Items, aber die haben ja nur „bestimmte Leute“. Aber gemeinsam spielen? Nein! Denn inzwischen ist doch bei jedem der Groschen gefallen: Man braucht die guten Items! Aber es fallen ja nicht proportional zur Spielermenge im Spiel die Gegenstände! Da herrscht – richtig erraten – Konkurrenzdruck! Wer das Item schneller hat, gibt es nicht mehr her. Also mit anderen spielen, die einem die Items streitig machen? Aber nein! Also muss man eben doch das Unmögliche wagen, und zum Individualisten werden. Und das Paradoxon auf sich nehmen, alleine im Vielspieler-Modus zu spielen.

Spätestens hier darf sich doch ein vernünftig denkender Mensch nicht mehr wundern, warum sich diverse Mogeleien im Battle.net einen permanenten Platz gesucht haben. Mal abseits von jenen viel zitierten Cheat-Benutzern, die das angeblich als Penisverlängerung oder aus reiner Bosheit machen, da muss es doch einen Großteil geben, der so nur versucht, sich noch seinen Spielspaß zu retten, oder? Zumindest ohne galaktische Internetrechnungen zu bezahlen, oder ohne 24/7 ALLEINE im Battle.net ARBEITEN zu müssen, um sich selbigen noch zu erhalten.

Die „Gesetzgeber“ haben natürlich reagiert: Blizzard ging so gut es ihnen möglich war gegen die Leute vor, die sich ihren Spielspaß erhalten wollten. Neuer Patch. Noch schwerer (im guten Willen, damit wieder das Zusammenspiel zu fördern), noch abstrusere Allmacht-Gegenstände. Merkt ihr was?
Ist natürlich klar, dass die „Spaßhabenwoller“ sofort reagieren. Noch sind nur die Leute mit den guten Gegenständen noch schneller, die noch besseren Gegenstände zu finden. Bisher kam noch jede Nachricht „Neues Quest schon gelöst“ vor „Neuer Maphack schon erschienen“. Der neuste Patch zeigt es.
Wie lange noch?

Gut, es gibt den Ladder-Reset. Hier herrscht plötzliche Gleichmachung aller Ausgangsvorrausetzungen. Was für eine Chance! Zumindest für die ersten…. nun, mittlerweile dürften es ca. 15 Stunden sein, bis sich die Power-Gamer uneinholbar an die Spitze gesetzt haben und das Geschehen kontrollieren. Ich finde, genau das zeigt die Beschleunigung, die das Spiel erlebt hat, sehr gut!
Und es muss schließlich einen Grund geben, dass es für Spieler nötig ist mit geradezu an Fanatismus grenzendem Einsatz in die neue Ladder-Saison einzusteigen, damit sie es im Wust der vielen Starter noch schaffen können, ganz früh ganz oben zu stehen. Solange die Ladder noch nicht homogen mit Hochstufen-Helden gepflastert und solange die Gegenstände noch etwas an Wert besitzen. Und sei es für einen kurzen triumphalen Augenblick.
Natürlich ist der Grund dafür eine gewisse Siegermentalität. Man möchte als erstes einen Level 90 Charakter oben stehen oder als erstes Baal auf Hell getötet haben (oder jetzt neu: Die erste Höllenfeuerfackel der neuen Ladder in den Händen halten). Ist ja durchaus verständlich!
Aber war das Grundprinzip des Mehrspieler-Modus nicht das Zusammenspiel als Gruppe?! Was haben Konkurrenzdenken und Siegermentalität da zu suchen?

Machen wir uns doch nichts vor: Diablo ist in eine Beschleunigungskrise geraten! Seine Mühlen mahlen immer schneller, als der Ottonormalspieler seinen Weizen herbeischleppen kann. Wirtschaftliche Erscheinungen wie Inflation wiederholen sich immer wieder, jedes Mal dramatischer, jedes Mal schneller. Der Wert eines neuen Gegenstandes sinkt rasanter, als ihn selbst einer der „Betuchteren“ in der Spielergemeinschaft herbeizuschaffen imstande ist. Die Gemeinschaft derer, die das Spiel bis zum äußersten treiben können, die die Gegner auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad zu besiegen in der Lage sind, die die begehrten Allmacht-Gegenstände zu „rechtzeitiger“ Zeit besitzen können, wird immer weiter schwinden.

Was kommt als nächstes? Die totale Beschleunigungskatastrophe? Wird das Spiel bald schneller als der Mensch es bewältigen kann? Der Anteil der „betuchteren“ Spieler immer weiter schwinden, bis es sie nicht mehr gibt und letztlich alle auf eine Stufe zurückgefallen sind, in der die Höhen des Spiels unerreichbar sind?
Oder umgekehrt? Wird der Mensch noch schneller? Bald der Hack noch vor dem Patch?

Aber vor allem: Wer ist schuld dran?! Blizzard? Die Power-Gamer? Die Cheater? Oder alle?
Das ist mir bisher absolut unklar geblieben…