Diablo 3 und die Angst vor dem Sequel

Die Ansprüche an Diablo 3 sind nicht weniger als gewaltig: Der Vorgänger war schließlich das Spiel des Jahrzehnts, oft kopiert, nie erreicht. Diablo 2 setzte Maßstäbe und begeistert Spieler mehr als zehn Jahre nach seinem Erscheinen immer noch. Wie knüpft man an so ein Spiel an? Mehr noch, wie übertrifft man es?

Die Fortsetzung – Segen oder Fluch?

„Fällt euch nichts Neues ein?“ Nicht nur die Film-, sondern auch die Spieleindustrie wird häufig für ihren Hang zu Fortsetzungen kritisiert. Aber dabei wird gerne vergessen: Gamer wollen Fortsetzungen. Natürlich orientieren wir uns an Dingen, die wir kennen, bevor wir 50 Euro (oder mehr) über die Ladentheke wandern lassen. Und eine Fortsetzung zu einem Spiel wirbt ja mit dessen Namen und verspricht mehr vom Gleichen.

Spielefirmen machen sich diese Gier nach Fortsetzungen gerne zu Nutze. Und so werden auch Sequels produziert, die mit dem ursprünglichen Spiel nicht mehr viel zu tun haben. Mit durchaus unterschiedlichem Erfolg.

„Ein Rollenspiel im Warcraft-Universum? Das kann doch gar nichts werden…“

Gern kauft man auch Namen ein, um damit treue Fans zu ködern. Einen neuen Meilenstein in dieser Hinsicht setzte letztes Jahr Electronic Arts, indem es eines seiner Entwicklungsstudios in „Bioware Victory“ umbenannte und ankündigte, dass dort nun ein neuer Teil der „Command & Conquer“-Serie produziert werde. Fällt auf so etwas tatsächlich noch jemand herein?

Offenbar schon. Denn auch hinter Diablo 3 steckt kaum noch jemand, der mit den ersten beiden Teilen zu tun hatte. Die Entwickler von Blizzard North, deren Ideen zu Diablo 1 und Diablo 2 wurden, haben in der Zwischenzeit Konkurrenzprojekte wie Guild Wars oder Hellgate:London aus der Taufe gehoben – mit unterschiedlichem Erfolg. Das kreative Team hinter Diablo 3 besteht zu großen Teilen aus Veteranen anderer Spielefirmen und Quereinsteigern. Es ist schwer einzuschätzen, wie sich dies auswirken wird, aber eines steht fest: Sollte Diablo 3 die hohen Erwartungen nicht erfüllen, dann werden Fans das Fehlen von personeller Kontinuität sicher als einen der Gründe sehen.

Was wollen die Spieler?

Eine Fortsetzung für ein Spiel wie Diablo 2 zu entwickeln ist wie schon gesagt eine schwere Aufgabe. Der Vorgänger ist nicht nur extrem gut, sondern mittlerweile auch extrem alt – eine einfache Neuauflage mit besserer Grafik scheidet damit schon einmal aus. In der Spieleindustrie hat sich einfach zu viel getan; moderne Spiele setzen ganz andere Akzente und funktionieren mit anderen visuellen Anreizen. Und in den vergangenen zehn Jahren haben sich die Vorstellungen darüber, wie ein Nachfolger aussehen soll, auch unter den Fans auseinander entwickelt.

Der eine hat Diablo 2 vor allem wegen virtuellem Reichtum gespielt, der nächste wollte möglichst verrückte Charakterkonzepte planen und spielen, und wieder andere wollten in jeder neuen Ladder ganz schnell nach ganz oben. Wie bringt man all diese Erwartungen unter einen Hut? Wie schafft man es im heutigen Zeitalter des Internet-Shitstorms, keinen einzigen Fan zu enttäuschen?

Die Antwort ist: nicht wahnsinnig machen lassen. Sowohl Fans als auch Entwickler müssen sich einfach eingestehen, dass es nach zehn Jahren keinen direkten Nachfolger für Diablo 2 geben kann. Ihr Wunsch-Diablo wird den Spielern niemand auf den Leib schneidern können. Unweigerlich landen wir also bei der Schlussfolgerung, dass man sich als Spieler zwar mit gutem Grund auf Diablo 3 freuen darf – aber auch damit rechnen muss, dass man persönlich etwas anderes erwartet hat. Die Entwickler bei Blizzard haben in Diablo 3 viele heilige Kühe geschlachtet, was erbitterte Diskussionen nach sich gezogen hat. Damit haben sie den Boden für ihre Vision eines Nachfolgers bereitet, die nicht notwendigerweise mit unserer Fansicht übereinstimmen muss. „Nachfolger“ bedeutet schließlich nicht immer zwangsläufig „in jeder Hinsicht besser“.

Was macht einen guten Nachfolger aus?

Was also muss der Nachfolger können? Er sollte Schlüsselkonzepte weiterentwickeln. Stärken ausbauen, aber auch Schwächen erkennen und ausmerzen. Das Schlüsselwort lautet generell „behutsames Weiterentwickeln“. Wo es nur möglich ist, versucht Blizzard eben diese Art der kontinuierlichen Weiterentwicklung. Deutlich wird dies anhand der Hintergrundstory: bekannte Gesichter tauchen auf, aber die Geschichte erscheint eben kein Neuaufguss zu sein, sondern wird wohl (nach allem, was man bislang weiß) die Spielwelt als Ganzes voranbringen. Auch die Charakterklassen erinnern angenehm an die Vorgänger, wie die Diskussionen darüber, welcher Charakter denn nun „die neue Assasine“ sei, belegen. Auf anderen Gebieten ist das nicht möglich. Die Grafik haben wir schon genannt – sie lässt sich nicht renovieren, da musste die Abrissbirne her.

Und mit wieder anderen Dingen springt Blizzard ins kalte Wasser. Ich habe an anderer Stelle die Logik hinter dem neuen Skillsystem bereits unter die Lupe genommen. Fakt bleibt aber: es ist nach wie vor hoch umstritten. Man hätte hier auch sicher die Skillbäume beibehalten oder ausbauen können. Dass man es nicht getan hat, ist wiederum etwas, auf das enttäuschte Fans verweisen werden, falls Diablo 3 ihren Erwartungen nicht entspricht. In diesen Punkten sähen viele sicherlich lieber einen konservativeren Nachfolger.

Ich wollte hier eigentlich einen Scherz à la „Diablo 3 sieht aus wie Diablo 1“ anbringen, aber den haben wir schon mal gemacht. Und zwar 2002.

Und im Zweifelsfall warten wir dann eben auf Diablo 4. Wie lange kann das schon dauern?

Deimos