Diablo2 – Starcraft: ein Vergleich

Sehe ich auf meine, zugegeben im Vergleich bescheidenen, Aktivitäten als Computerspieler zurück, gibt es zwei Spiele, denen ich wohl besonders treu geblieben bin. Zwei Spiele, die mich sehr lange Zeit ohne Unterbrechungen am Spielen hielten, und die ich noch heute spiele: Starcraft und Diablo 2.
Das eine ein Echtzeit-Strategiespiel, das andere ein MMORPG, mag man sich fragen, ob mein Geschmack wirklich so unspezifisch sein kann.
Ja, kann er und ist er. Aber haben die beiden Spiele nicht mehr gemeinsam als man denkt? Dies herauszufinden ist meine Aufgabe, während ich diesen Artikel schreibe.

Der Vergleich von Spielen zweier unterschiedlicher Genres kann tatsächlich problematisch werden. Daher möchte ich einen Vergleich ziehen in Kategorien, die allen Spielen gemeinsam sind. Diese werden sein: Geschichte und Support, Inhalte, Community.

Starcraft und Diablo 2 (im Folgenden SC und D2) sind beides Produkte der Blizzard Entertainment Inc. SC erschien im April 1998, D2 im Juni 2000. Da wir inzwischen 2006 schreiben, sind beide Spiele nun eine genügend lange und ähnliche Zeit auf dem Markt, so dass ich näherungsweise davon ausgehen kann, dass beide Spiele ähnlich viele Entwicklungen hinter sich haben, um eine vergleichende Bilanz ziehen zu können.
Beide Spiele wurden von Blizzard nach ca. einem Jahr durch ein Expansion-Set etwas aufgepeppt: SC durch BroodWar (BW), welches drei neuen Kampagnen enthielt und damit insgesamt die Spielfülle für SC verdoppelte. Zudem gab es für jede Rasse ein paar neue Einheiten mit neuen Fähigkeiten, die die bisherigen „Gesetze“ des Spiels durchaus auf den Kopf stellten.
D2 bekam schließlich Juli 2001 ebenfalls ein Expansion-Set: Lord of Destruction (LoD), welches „nur“ einen neuen Akt beinhaltete, und dem Spieler endlich die Möglichkeit gab, dem bisher verschont gebliebenen Übel Baal eins auf die Mütze zu geben. Gleichzeitig zu einer Erhöhung des Schwierigkeitsgrades wurden hier neue, mächtigere Items ins Spiel gebracht, damit der Spieler, so er sie findet, den neuen Gefahren adäquat begegnen kann.

An diesem Punkt der Geschichte erleben beide Spiele im Übrigen eine Art Monokultur: Obwohl die Fülle an interessanten Maps in SC durch BW noch mindestens verdoppelt wurde, werden praktisch nur ein paar spezielle Karten gespielt: Lost Temple und (Big Game) Hunters die einsamen Spitzenreiter darunter. In LoD nicht anders: Ein neuer Akt voll mit interessanten Gegenden, aber bespielt wird ausschließlich das erste Gebiet!
In beiden Spielen wichtige Einschnitte entstanden erst wieder, als nach einiger Zeit die Patches mit der Nummer 1.08 fertig gestellt wurden: LoD bekam seine ersten Immunitäten, so dass nun nicht jeder Charakter jedes Monster beliebig leicht töten konnte. Zusammenarbeit war gefragt! Wäre da nicht jedoch die Firewall-Zauberin gewesen, die sich dank erstarkter Fähigkeit durch praktisch alles durchbrennen konnte, auch und besonders durch Mephisto, der wie alle anderen speziellen Boss-Gegner eine höhere Drop-Rate verpasst bekam. Es folgte die Zeit der FW-Zauberinnen, der Mephi- und Cow-Runs.
BW hingegen bekam erstmal eine letzte Balancierung der drei Rassen, was seit damals nie wieder nötig gewesen war. Darüber hinaus wurde die Spieloption „Oben gegen Unten“ eingeführt, was Allied-Spiele sehr erleichterte, und natürlich das „Zuckerl“ schlechthin: Die Replay-Funktion! Eine verblüffend einfache Möglichkeit ganze Spielverläufe zu speichern und später in Ruhe zu analysieren, Spiele anderer Leute anzusehen und daraus zu lernen. Mit dieser „Videoanalyse“ war der letzte Schritt getan, aus SC/BW eine regelrechte Sportart zu machen, samt öffentlicher Übertragung.

Es folgten für BW bisher nur weitere Patches mit kleineren bis größeren Bugfixes. Für LoD gab es die lange Ära des Patch 1.09, nachdem mit diesem die Fehler von 1.08 noch schnell ausgebügelt werden sollten. Da war das Unglück jedoch bereits geschehen. Lange geschah nichts im Land der Zauberinnen und Kühe, bis aus heiterem Himmel Patch 1.10 der Spielergemeinschaft auf die Köpfe fiel und viel neues brachte: Uber-Diablo, später dann die Hellfire-Quest mit weiteren großen Schwierigkeiten und tollen Belohnungen für die Unerschrockenen, die sich auch diesen Gefahren stellten.

Soviel mal zur Geschichte des Ganzen, denn ich habe ja noch mehr Vergleichspunkte versprochen: Zum Inhalt!
In SC/BW hat man die Wahl zwischen drei vollkommen unterschiedlichen Rassen, jede mit ihren spezifischen Vor- und Nachteilen. Die Balance zwischen diesen Rassen war nicht immer gegeben, anfangs führten die Protoss, mit Einführung von BW übernahmen die Zerg die Herrschaft, zwischendurch bekamen auch die Terraner etwas mehr Macht in die Hand. Spätestens seit Patch 1.08 jedoch scheint Ruhe eingekehrt und das große Werk vollbracht, die Rassen gleichzustellen.
Sowohl SC wie auch BW warten mit je drei großen Kampagnen mit einer langen und überraschenden Geschichte auf: Schnell wird der gerade besiegte Feind plötzlich zum Verbündeten, lang gehegte NSC-Freunde müssen getötet werden, und plötzlich hat man die halbe Galaxis gegen sich stehen. Es hat etwas von einer Mystery-SciFi-Serie wie Babylon 5.

Demgegenüber steht D2/LoD mit seiner Geschichte, die eher ein Film-Epos bereichern würde. Man begleitet einen Helden linear durch viele Gefahren stufenweise näher an sein eigentliches Ziel. Am Ende kommt es zum großen Showdown mit einem langen, harten Kampf und spektakulärem Sieg des Helden, wenn Diablo oder Baal vom eigenen Höllenfeuer verzehrt werden und die Welt gerettet ist. Gruselgefühl wird dabei nach jedem Akt mit hollywoodreifen Filmsequenzen geschürt.
Vor dem Spiel wird man vor eine schwierige Wahl gestellt: Fünf bis sieben Charakter-Arten, jede wieder mit mindestens drei oder mehr möglichen Varianten, stehen bereit in die Schlacht gegen das Böse auszuziehen. Ob es an der (mehr als doppelten) Menge der Möglichkeiten liegt oder nicht, jedenfalls ist hier – anders als bei SC/BW – bei weitem keine Balance erreicht worden: Zuerst waren es die Wirbelwind-Barbaren, dann die Necromanten, später die FW-Zauberinnen und nun die „Hammerdine“, die stets einen Vorteil vor allen anderen Charakter-Varianten haben, und man fragt sich eigentlich nach jedem Patch nur noch: Wer ist es diesmal?
So vielfältig die Charakter-Varianten und -Fähigkeiten auch sind, so wenig sind es die Quests: Vorherrschend sind nur die zwei Varianten „Töte dies“ und „Hole das“. Die Informationen der NSCs, die man dazu bekommt, sind obendrein meist überflüssig bis falsch. Hier hatte der Vorgänger Diablo 1 zumindest nettere Ideen in Sachen Auftragsgewinnung: Da wandte sich auch schon mal die Gruppe kleiner Monster an den Helden, die bösen großen Brüder auszuschalten.
Im Vergleich kann D2/LoD jedoch schwerere Überraschungen bereiten als die SC/BW, da es eine höher entwickelte KI besitzt: SC wartet zwar mit vielfältigeren Missionszielen auf (darunter „Bechütze das“ oder auch einfach „Überlebe!“), doch hat man die Taktik seines Computer-Gegners erst einmal durchschaut, hat man praktisch schon gewonnen. Als Beispiel sei hier erwähnt, dass in einer Mission der ersten Terraner-Kampagne der Nuklearschlag des Gegners immer von derselben Stelle aus gestartet wird, ein Schema das schnell durchschaut wird und damit unnütz ist.
Die Gegner in D2/LoD hingegen laufen davon, wenn sie zu sehr verletzt sind, und erholen sich erst einmal, oder kämpfen nach dem Schema „zuschlagen – abhauen“, oder sie setzen dem flüchtenden Helden mit mindestens gleicher Geschwindigkeit nach. Gnade kennt die Hölle nicht, und scheut auch nicht den Einsatz von Spieler-Skills gegen die Helden (Flüche, Auren).
Und das war nur der Single-Player Modus, aber das Gros der Spielfreude füllt ja der Multi-Player Modus, und damit bin ich auch schon beim dritten Punkt: Bei den Spielern selbst, der Community.

Die Fragestellungen lauten: Wie ist die Stimmung in der Spielergemeinschaft? Wie hoch ist der Anteil der Cheater und Betrüger? Kann man überhaupt noch mit der allgemeinen Community zusammenspielen, oder muss man sich quarantänisch abschotten und nur mit Freunden spielen?
Wirft man einen vergleichenden Blick in die Hauptforen von inBroodwar.de und inDiablo.de, überwiegen in letzterem (meist geschlossene) Threads über neue Hacks, oder Diskussionen über Sinn und Unsinn seit Jahren üblicher Unsitten wie Rushs, Ziehen, Mephisto-Runs etc.
Das BroodWar Forum bietet einem eher ein Bild wie man es auf eurosport.de sehen könnte, es überwiegen Diskussionen über Ligaspiele, News zu Clans und einzelnen Spielern. Dazwischen findet man Bitten um Replay-Analysen, um seine Fehler im Spiel verbessern zu können, denen auch nachgekommen wird.
Welches Bild zeigen uns die Battle.net-Channels? Im Gegensatz zu den Foren ein sehr einheitliches: Bei beiden Spielen gähnende Leere!
In D2/LoD wird diese höchstens unterbrochen von Werbung für Itembörsen, oder mehrfach hereingeplärrte Aufforderungen zu Trades oder Runs. In den Spielen dann selbst: Totenstille, wie in einem Fahrstuhl. Selbst sinnvolle Fragen, z.Bsp. von einem Paladin an den anderen ob seine Aura die höhere Stufe habe, werden ignoriert. Man möchte den Eindruck gewinnen, es wird nicht miteinander, sondern nur nebeneinander gespielt.
Zur Stimmung in den Channels bei SC/BW (in den Spielen selbst ist jeder zu konzentriert um zu chatten) befragte ich auch zwei User in einem Interview: Beide bestätigten eine gewisse Langweiligkeit und Stille in den Channels. Der Ton sei zwar meist freundlich, jedoch nicht immer. Dass Beleidigungen vorkommen erlebte ich am eigenen Leib, als auf eine höflich gestellte Nachfrage, ob mir jemand für diesen Artikel ein Interview geben würde, die Gegenfrage „Bist du blöd? “ zurückkam. Ich scheue mich im Übrigen nicht, hier den User „noisemaker“ an den Pranger zu stellen.

Raus aus dem Channel und rein ins Spiel, denkt man sich! Wie sieht die Auswahl aus, wenn man auf „Spiel beitreten“ klickt? In beiden Fällen sehr homogen: D2/LoD wartet mit hunderten Spielen zu verschiedenen Run-Arten auf, dazwischen immer wieder Spiele mit Namensschema „Habe das, brauche jenes“. Ein Spiel oder überhaupt Spielpartner für ein spezielles Anliegen (z.Bsp. damit der eigene Held nicht so ganz allein durch den Schinderdschungel stapfen muss) wird zur unüberwindbaren Aufgabe.
Öffentliche Spiele in SC/BW haben heute meist eigensgefertigte und damit nicht immer vertrauenswürdige Karten. Ebenfalls dominierend sind sog. Fast-Maps, bei denen die Ressourcen (davon natürlich zuhauf) direkt am Hauptgebäude liegen. Dazwischen verstreut kann man jedoch relativ vernünftige Spiele auf offiziellen Karten finden, meist die bereits erwähnten Klassiker. Wer mal auf exotischeren Karten spielen möchte, muss suchen. Für die vielen Spielmodi die SC/BW bietet, wie Free for All = Jeder gegen Jeden, oder auch Sudden Death, scheint sich die Strategiespiel-Community gar nicht begeistern zu können. Auch der Team-Modus bleibt unangetastet.
Kann man einem öffentlichen Spiel aber eigentlich noch beitreten, ohne von Betrügern umringt zu sein? Ein User meint dazu, man könne schon joinen, er habe noch nie etwas gemerkt, dass jemand betrogen hätte. Ein anderer schätzt den Anteil an Cheatern unter den Spielern auf ca. 6%. Beide stellen auf die Frage, in welchem Spiel am meisten gecheatet wird, D2/LoD eindeutig vor SC/BW, dazwischen CounterStrike. Es gäbe jedoch in SC/BW viele Gerüchte, wer cheaten würde. Meist sind es auch diese Vorwürfe, die zu den Beleidigungen in den Channels führen.

Insgesamt scheint die SC/BW-Community ihr Spiel jedoch sehr sportlich-fair zu nehmen, und ein Sport ist es auch, zu was sich dieses Spiel entwickelt hat, mitsamt seinen Stars, seinen Ligen und Turnieren, mit einem überraschend niedrigen Anteil an Doping-Skandalen.
Hingegen entwickelte sich aus D2/LoD eine Art Staat mit freier Marktwirtschaft, bei der die Kontrolle durch ein Kartellgericht fehlt oder nicht schnell genug ist, die Entwicklungen auf dem Markt zu lenken. Durch Misstrauen geteilt erinnert die Spielergemeinschaft an Seifenschaum, viele kleine Blasen, die sich nach Möglichkeit vor den anderen abschirmen. Allein durch ihre Zahl bilden sie trotzdem eine Menge flockiger Community-Masse, die so schnell auch nicht zerfallen wird.
Zwei Spiele, zwei so ganz andere Entwicklungen. Aber man kann Starcraft und Diablo ja schließlich auch kaum miteinander vergleichen, nicht wahr?

PS: Ich danke den Usern PaRk[UhR] und GI-IoSt herzlich für die Interviews!