Die Verwandlung

Wer kennt sie nicht, diese Tage, an denen man sich wie jemand anders fühlt – oder gerne jemand anders wäre!! Doch wer hätte gedacht, dass das tatsächlich geschehen kann…

Als ich morgens aufstand, war zunächst alles wie immer. Vor dem Spiegel im Bad fiel mir auf, dass ich wohl meine Haare nachfärben müsste… ein blonder Ansatz machte sich bemerkbar. Ich machte mir nichts weiter daraus, zog mich an – war der BH gestern auch schon so eng gewesen?! – und machte mich auf den Weg, um Einkaufen zu gehen.

Unterwegs bemerkte ich lediglich, nicht ganz ohne Genugtuung, dass mir mehr Männer als sonst hinterher pfiffen.
Ich betrat den Supermarkt und ging schnurstracks zur Fleischtheke – ein unbändiges Verlangen nach frisch geröstetem Spanferkel mit einer großen Obstplatte hatte mich überkommen. Die Fleisch- und Wurstwarenfachverkäuferin starrte mich einen Moment lang unverwandt an, dann schnarrte sie ihr „Ja bitte, was darf’s denn sein?“. Ich verlangte barsch: „Gib mir ein mariniertes Ferkel, aber schnell!“
Mit entgeisterter Miene stammelte die Frau, dass sie mir leider nur den Schweinebraten anbieten könne. Ich nahm ihn widerwillig an, fragte mich allerdings, wie ich so ein kümmerliches Bröckchen ordentlich über dem Feuer rösten sollte.
Als nächstes ging ich in die Obstabteilung und fragte mich unterwegs, wie zum Geier ich auf Feuer käme. Die Auswahl an Früchten enttäuschte mich ebenfalls gewaltig: Keine Kumquats, keine Sternfrüchte – ich hätte vor Wut Blitze schleudern können! Es gab nur einige lächerlich kleine Melonen… � propos Melonen, mein Oberteil spannte inzwischen ganz unerträglich, so als wolle es gleich platzen. Ich verdrängte den Gedanken und wählte einige Birnen und einen Bund Trauben aus.
Als ich das Gebäude verlassen wollte, wurde ich an der Kasse aufgehalten – natürlich, die Kasse! Fast wäre ich ohne zu zahlen aus dem Laden gestürmt. Was war nur los mit mir? Ich zückte also meinen Lederbeutel und schnippte der Kassiererin eine Goldmünze zu. Sie wollte protestieren, doch da hatte ich das Gebäude bereits verlassen. Wo waren nur die Wälder? Rings um mich her nichts als öde Steinwüste, durchsetzt mit Türmen und merkwürdig hohen Häusern… ‚Reiß dich zusammen! Das ist eine Stadt, du lebst hier!!‘, wies ich mich selbst zurecht. Ein Teil von mir jedoch bestand darauf, dass hier ein Wald sein müsste, und so ging ich schleunigst nach Hause, um mich ein wenig zu beruhigen.

Daheim angekommen, fühlte ich mich von meiner Kleidung mehr und mehr eingeengt, auch fielen mir meine Haare ständig ins Gesicht – sie waren doch nur kinnlang, wie konnten sie bis auf meine Schultern fallen?! Es wurde mir zu bunt, und ich beschloss, mich ein wenig hinzulegen. Ich schlief rasch ein und träumte von grünen, sonnendurchfluteten Wäldern, tiefblauen Seen und dem Zusammenhalt einer unglaublichen Gemeinschaft…
Als ich erwachte, erfüllte mich ein starkes Bedürfnis danach, der Großstadt zu entfliehen und durch die Wildnis zu streifen, zu jagen und – ich schnupperte. Das war nicht der Geruch von Smog! Und wann hatte ich zum letzten Mal so nah das Zwitschern von exotischen Vögeln gehört? Ich erhob mich und ging zur Zimmertür – nein, zum Zelteingang. Ein Zelt?! Was war hier nur los? Verwirrt strich ich mir das lange, blonde Haar aus dem Gesicht und rückte meinen Lederharnisch zurecht. Plötzlich wusste ich, dass ich mich beeilen musste, wenn ich die Besprechung bei unserer ältesten Schwester nicht verpassen wollte.
Rasch durchquerte ich das Waldlager, grüßte einige andere Amazonen, die freundlich zurückwinkten. Bevor ich mich zur Beratung begab, holte ich noch rasch meine neuen Speere ab – nachher wollte ich mit einigen Freundinnen jagen gehen.
Im Zelt der Ältesten hatten sich bereits die anderen Stammesführerinnen zusammengefunden und grüßten mich respektvoll. Sie fragten, wie meine letzte Mission verlaufen sei, und für einen Moment schoss mir der merkwürdige Gedanke an hohe Straßenschluchten, Qualm ausstoßende Blechungetüme und piepende kleine Geräte durch den Kopf.
Ich wischte die Bilder weg – die Erinnerung an einen seltsamen Traum vermutlich.

Nun ist die Besprechung vorbei, und ich mache mich für die Jagd bereit. Nächste Woche steht eine anstrengende Mission an: Ein alter, verrückter Magier hat die Kontrolle über einige seiner Kreaturen verloren, und ich soll sie mit meiner Truppe wieder einfangen.
Aber ich bin die Führerin eines mächtigen Amazonenstammes, eine respektierte Kriegerin und kluge Strategin.

Diese Woche wird wunderbar – den seltsamen Traum werde ich rasch vergessen, und meine Schwestern und ich werden eine Menge Spaß haben!

YIIIIEEEHAAAA!!