Eine Fabel

Ein Löwe, eine Eule und ein Esel wollten Mensch-ärgere-dich-nicht spielen. Sie nehmen das Spielmaterial aus der Packung und stellen fest, dass es drei verschiedenfarbige Würfel gibt, einen gelben, einen roten und einen blauen.
In der Spielanleitung stand: „Die freie Würfelwahl ist ein eingebautes Feature im Spiel“ und „Sie dürfen auf dem Spielbrett.net kein gefälschtes oder fehlerhaftes Spielmaterial benutzen, inklusive, aber nicht ausschließlich, Spielfiguren, Rüstungen, Ringe, Amulette und Würfel, die durch langsame Verbindung, Lag, Programmierfehler oder auf andere Weise entstanden sind.“

Die Eule begann das Spiel. Ihre Lieblingsfarbe war blau, daher wollte sie mit dem blauen Würfel spielen. Sie nimmt ihn sich und stellt erstaunt fest: „Da stimmt etwas nicht mit dem Würfel! Was ist denn das? Der Würfel hat ja auf allen Seiten sechs Augen. Das ist ja ärgerlich! Blau ist meine Glücksfarbe, eigentlich möchte ich einen blauen Würfel nehmen.“
Zum Löwen und dem Esel gewandt sagt sie: „Schaut doch mal bitte nach, ob da noch andere, legale blaue Würfel herumliegen.“
Die anderen beiden sehen nach und geben der Eule zur Antwort: „Nein, leider nicht. Es gibt keine Möglichkeit, blaue Würfel zu benutzen, ohne einen durch irgendeinen ärgerlichen Fehler entstandenen Würfel mit sechs Sechsen zu nehmen.“
Die Eule erwidert darauf: „Nun gut. Die Spielanleitung redet zwar vom eingebauten Feature der freien Würfelwahl. Aber dieser Würfel hier fällt leider unter das Verbot von gefälschtem Spielmaterial. Außerdem würde ich euch beide, Löwe und Esel, schädigen, wenn ich den blauen Würfel nehme und damit betrüge.
Ich nehme also stattdessen einen gelben Würfel.“
Also nahm die Eule einen gelben Würfel und spielte so, wie ehrliche Tiere miteinander dieses Spiel spielen.

Dann war der Löwe an der Reihe. Auch seine Lieblingsfarbe war blau, und auch er wollte eigentlich einen blauen Würfel benutzen.
Der Löwe stand auf, warf sich in Positur und sprach mit mächtiger Löwenstimme: „Auch ich, wie die gute Eule, hätte eigentlich gerne einen blauen Würfel benutzt. Aber es erscheint mir sinnlos, das Spiel zu spielen, wenn ich schon vor jedem Wurf weiß, dass eine sechs fällt. Außerdem wäre es euch gegenüber Betrug. Ich möchte mich nicht durch dieses unfaire Mittel in Vorteil bringen und verzichte daher freiwillig darauf, den blauen Würfel zu benutzen.“
Und auch der mächtige Löwe spielte so, wie es sich für ehrliche Tiere gebührt.

Zu guter Letzt war der Esel an der Reihe. Auch seine Lieblingsfarbe war blau. Die Eule sprach zu ihm: „Nun, guter Esel. Außer dem blauen Würfel sind auch noch gelbe und rote da. Soll ich dir einen der letztgenannten reichen?“
Aber der Esel fuhr sie barsch an: „NEIN! Ich habe ein Recht auf freie Würfelwahl. Ich kann ja auch nichts dafür, dass derjenige, der die Würfel in den Karton mit dem Spielmaterial gelegt hat, ihn gefälscht hat. Ich beharre auf meinem Recht auf einen blauen Würfel!“
Der Löwe blickte ihn entgeistert an und machte ihn auf folgendes aufmerksam: „Aber lieber Esel. Ist dir denn nicht bewusst, dass du deine ehrlichen Mitspieler betrügst, wenn du jetzt den blauen Würfel nimmst?“
Der Esel sagte: „Doch. Aber das ist mir egal. Ich will meinen Spaß beim Spiel. Und den kann ich nur mit blauen Würfeln haben. Mein Spaß ist das wichtigste in meinem Leben, und wenn ich ehrliche Mitspieler wie den Löwen oder die Eule dafür betrügen muss, dann mach ich das halt.“

Und so nahm der Esel den blauen Würfel und betrog seine Mitspieler, um den eigenen Spaß zu maximieren.
Leider übersah der Esel, als er auf sein Recht zur freien Würfelwahl bestand, dass die Spielanleitung auch die Klausel enthielt, dass es verboten ist, gefälschtes Spielmaterial zu benutzen und er im Unrecht war. Aber wenigstens hatte er seinen Spaß.