Freundschaftsdienste oder – Warum man in open Baalruns keinen Goethe trifft

Tach, da bin ich wieder. Dario Daddel, D2 süchtig, mundfaul, bewegungslegasthenisch, ansonsten gesund.
Nun gut, die Geschichte mit dem Psychiater habe ich hinter mir. Die Nummer mit dem „3…2…1“ hat echt angeschlagen und ich fühle mich selbst im größten Geflame und bei den verheerendsten B.net Fehlern noch wohl und bin mir meiner emotionalen Balance sicher… dachte ich… bis gestern.

Ehrlich, ich war die Woche über richtig ruhig. Ich habe brav rückwärts gezählt und durchgeatmet. Ich habe sogar beim Verlust von ca 50 PGs durch einen „Realm-Down-WNA-Verbindungs-Standard-AAAARGH-BLIZZARD-HASST-MICH“-Fehler beim Mulen nicht mehr als kurz „[zensiert]“ geschriehen. Da war ich vielleicht stolz… also nicht gerade auf das Verschwinden meiner Klunker-Sammlung, aber auf mich, dass ich kein Bedürfnis hatte, das schöne Biedermeier-Mobiliar in unserer Wohnung spontan in Feuerholz umzufunktionieren, sondern dass ich nach dem Aufschrei mehr oder minder entspannt auf die Suche nach neuem Cube-Material gehen konnte.

Dass ich mich verändert hatte, hat auch meine Freundin bemerkt. Ok, sie musste dazu keine tiefenpsychologischen Gutachten erstellen. Sie merkte es daran, dass die Wohnung seit einer Woche erschreckend intakt und Schwiegermutter-in-Spes gutes Porzellan stabil auf dem Stand von letzter Woche geblieben ist (20 von 76 Teilen, aber mal ehrlich, IKEA-Geschirr tut’s auch, außerdem klirrt das viel schöner beim Zerschmeißen).
Leider ist dieser himmlische Zustand auch schon wieder vorbei, wie der geneigte Leser gleich feststellen wird.

Es begab sich mitte dieser Woche, als einer aus meiner ellenlangen und unübersichtlichen „die-Hälfte-spielt-längst-nicht-mehr-aber-löschen-is-zu-anstrengend“-Flist mich mit der Bitte ansprach, ihn ein paar Runs in nem open game auf Norm zu baalen. „Wohlfeil“, dachte ich bei mir und zückte meinen Level92-Zealer, um der Bitte nachzukommen. Ok, alles andere als ein Zieh-Char zumal nicht tele-fähig aber ich meine, was ist auch schon dabei? 5-7 Runs auf Norm… mit Ansturm und Gedeihen immer lecker rechtsrum durch den Weltsteinturm, ein paar One-Hit-Kills und dabei noch mit dem Kollegen witzeln. Weit gefehlt, liebe Freunde. Ungeachtet der Tatsache, dass niemand mit nur 3k Schaden selbst auf Norm Lister und Co. in nem 8ter Spiel mit einem Schlag töten kann, hatte ich einen Faktor übersehen:
Die Open-Baalrun-Meute ungeduldiger Spinnerkinder, Selbstdarsteller, Schreihälse und denkbehinderter „D2-ist-ein-Single-Player-Spiel-und-ich-bin-der-Player“-Saftsäcke.

Nungut, live ins Geschehen. Kurz ein „thx“ für’s Erscheinen vom Flist-Buddy eingeheimst und ein „np“ als Zeichen der Selbstverständlichkeit zurückgeschickt (Ja, das Battle.net ist wahrlich eine Hochburg moderner Kommunkation. Gespräche mit ausgeschriebenen Worten sind ja auch nur was für n00bs, die keine msg typing nicht mehr als 1 geskillt haben). Schon ist Gedeihen und Ansturm auf die Maustasten gelegt und mein Zealer im WST. Tausendmal gemacht, Leveldesign auswendig. In einer Minute im Thronsaal. Natürlich kommt als allererstes von einem kleinen lvl21-Druiden: „MH ???????“, was ich konsequent ignoriere und „3…2…1“ zähle. Die Frage, was er mit Level 21 bei Baal zu suchen hat, erspar ich mir ebenfalls, denn das würde zu nichts führen.
Die „n“-Taste auf Dauerklemme, um das PP-Geschrei der Neuankömmlinge von meinem Screen zu verbannen, entscheide ich mich, erst im Vorraum ein sicheres TP zu eröffnen. Ja, ich bin noch einer von denen, die Rücksicht auf Mitspieler nehmen. Ich habe sogar vor meine Errettungs-Aura anzumachen und auf Fanatismus zu verzichten, um Spieler mit üblen Resistenzen nicht in den Tod zu schicken. Mein Gewissen ist dabei stärker als mein Verstand, der mir sagt: „Lass sie doch verrecken, mit schlechten Resis haben die da eh nix zu suchen“.
Kaum auf halbem Wege in eben diesen Vorraum, lese ich auch schon „TP TP TP TP TP“. Was denken sich diese TP-Schreier eigentlich? Ein lvl 92 Paladin rennt in den Thronsaal auf NORM und macht dann nicht von sich aus ein TP, sondern muss dazu erst aufgefordert werden? Natürlich, ich seh auch weiße Mäuse. Aber anstatt es zu ignorieren packt mich der Ehrgeiz, mal ein Exempel zu statuieren. Ich sage: „No, man, I won’t open a tp. I’m goin‘ down just for fun since it’s so comfortable here and I’m doin‘ this run all on my own. Norm-Baals give so much exp for me at lvl 92, you know? Nerd…“
Schon fühl ich mich besser, merke aber, dass ich schon wieder leicht angefressen bin. Kurzes Schweigen im Spiel, ein, zwei „lol“s. Ich denk mir nix dabei und öffne ein TP. Den Rest kennt man ja. Der nächste Run ist auf und eigentlich habe ich keine Lust mehr, will aber meinen Flist-Buddy nicht hängen lassen. Im Thronsaal versammelt, meldet sich die am meisten gefürchtete Sorte des B.net-Idioten zu Wort: der absolute Nichts-Könner, Nichts-Wisser aber großmäulige und fordernde Preteen-Noob.
Ich traute meinen Augen nicht, als ich las: „PALA USE HAMMA PLZ!!!!!!!111111“.
3…2…1… und flapsig antworte ich: „Sure, I’m a fanazealot and will use holy hammer. Any other good ideas, dumbo?“
An diesem Punkt habe ich schon die Nase gestrichen voll und sehne mich nach Zeiten vor der Therapie zurück, wo ich jetzt ganz leicht einfach meinen Schreibtisch hätte zweiteilen können, aber meine Freundin hätte sicher was dagegen. Sie hatte mir vor zwei Wochen angedroht, zu ihrer Mutter zu ziehen… dann doch lieber „3…2…1“ auch wenn das lange nicht so befriedigt. Außerdem will ich, wie bereits erwähnt, meinen Kumpel ja nicht sitzen lassen. Von meinem unbeeindruckten Ton fühlte sich die Meute langsam herausgefordert und startete zum sprachlich hochversierten Gegenangriff: „pala is noob“… Nein, ihr denkt falsch, ich raste hier nicht aus, noch nicht. Im Gegenteil. „3…2…1…“ ist das Zauberwort. Ich lasse mich auf einen letzten Spruch ein und antworte: „Sure, I’m a total noob, I don’t even know what I’m doin‘ here. Isn’t this a tea party?“
Das war dann den „Ich-will-ich-will-mach-schnell-los-gogogo-tp-pp-pp-pp-tp-tp-pp“-Kindern zuviel und einer entschied sich dann, im darauffolgenden Run seine Lamerdintucke anzuschleppen, mich im WST zu überholen und was er dann am Ende stolz verlauten ließ, erschien wie ein Reklametafel vor meiner Nase: „Faster tele and with hammer“…

… … … ich bin jetzt übrigens wieder solo.