Früher war eh alles besser, da hatten wir noch einen Kaiser

Im Moment geht es im Hause Blizzard mal wieder drunter und drüber. Man nehme eine Verschiebung des Spiels auf unbekannt, ändere das Skillsystem komplett und würze mit einer Prise PR-Desaster – und fertig sind die hitzigen Diskussionen um Diablo 3. Gerade die Änderungen am Skillsystem erfüllen manchen Fan mit Sorge. Und da bleiben natürlich auch die Stimmen nicht aus, die in jeder Abweichung von den Vorgängern den Ruin der Serie erkennen wollen.

„Und nun zu meinem Gegenargument…“

Als Diablo 3 vor beinahe vier Jahren (traurig, aber wahr) angekündigt wurde, folgte schon auf die ersten Bilder und Videos harsche Kritik der wartenden Fangemeinde: zu bunt, zu sehr Comic, zu sehr Anime, kurzum: zu wenig Diablo. Und zu viel World Of Warcraft. Ohnehin, World Of Warcraft: Ein Spiel, das Millionen Menschen jahrelang vor den Monitor fesselt, kann ja nicht alles falsch gemacht haben. Trotzdem wird es immer wieder als Beispiel dafür herangezogen, wie Diablo eben nicht sein soll.

„Da ist er! Verprügelt ihn und ruiniert sein nächstes Spiel!“

Letztlich dreht sich alles um die Frage, was Diablo ausmacht – und es wird gerne übersehen, dass Diablo 1 und Diablo 2 sie vollkommen unterschiedlich beantwortet haben.

Seien wir einmal ehrlich: Das „Skillsystem“ in Diablo 1 funktionierte einfach nicht. Magier hingen von ihrem Zauberbuch und Items ab und waren damit automatisch zweimal so komplex wie Krieger, boten aber auch mehr Raum zur Optimierung. Zauber waren zufällige Drops. Manche Zauber wurden mit steigendem Level einfach nicht mehr besser. Als die Arbeit am Nachfolger begann, sah sich Blizzard dieses System gründlich an – und kippte es dann komplett in die Tonne. Was man behielt, waren Atmosphäre und Namen. Und es funktionierte: Obwohl das Skillsystem komplett neu war, fühlte man sich in der intuitiven Benutzeroberfläche sofort heimisch und begegnete hier und dort bekannten Zaubern. Mir ist nicht bekannt, dass irgendjemand sich das alte Zauberbuch aus Diablo 1 zurückgewünscht hätte.

„Schnell, lies ihm etwas vor!“

Die Skillbäume nach dem Vorbild von Diablo 2 setzten sich fast überall durch. Allerdings nutzte Blizzard die Gelegenheit, sie in – ihr habt es erraten – World Of Warcraft noch einmal zu verfeinern. Um das für neue Spieler so frustrierende Verskillen zu vermeiden, konnten Skills nun gegen Aufpreis zurückgesetzt werden. Und wenn ein Skill nur einen Punkt zur sinnvollen Nutzung braucht, konnte man auch nur noch maximal einen Punkt hineinsetzen. Diablo 2 erhielt als Alternative hierzu mit Patch 1.10 das Synergiesystem, das sich aber nicht durchsetzen konnte.

In Diablo 3 soll sich nun wieder einmal alles ändern. Das neue Skillsystem übernimmt wieder einmal nur Ästhetik, Benutzerführung und Namen vom alten. Man experimentierte kurz mit Skillrunen als Drops – Hey, erinnert ihr euch, was wir oben über die Zauberbücher in Diablo 1 gesagt haben? Auch 15 Jahre später ist es immer noch eine schlechte Idee, Blizzard. Aber nun steht das neue System. Und sofort hagelt es Kritik. Der Tenor lautet: zu stark vereinfacht, zu wenig Wiederspielwert, zu wenig Herausforderung.

Das Wesen von Herausforderungen ist nun einmal, dass Spieler immer einen Weg finden werden, sie zu meistern. Darauf dürfen sie zu Recht stolz sein. Aber wenn aus schlechtem Design eine Herausforderung entsteht, wird sie dadurch noch lange nicht zu einer guten Idee.

Ein kleines Beispiel: Ich fühle mich nicht von der Fleischindustrie bevormundet, wenn ich am Imbiss ein Brathähnchen kaufe. Und das, obwohl Ich schon einmal einem Huhn den Hals umgedreht, es gebraten und gegessen habe.

Videospiele machten mich zum Killer.

Unnötige Komplexität zu reduzieren ist das Ziel jedes Spielentwicklers. Es beugt Frust vor. Die zufälligen Zauberdrops in Diablo 1 konnten frustrierend sein, deswegen gab es in Diablo 2 einen Skill pro Level. In Diablo 2 gab es im Endeffekt nur die Option, keinen, einen oder zwanzig Punkte in einen Skill zu stecken. Deswegen fallen die Skilllevel jetzt einfach weg und werden durch eine andere Art der Skillvielfalt ersetzt. Wer jetzt „Das ist nicht mehr Diablo“ ruft, der übersieht: Schon Diablo 2 war nicht mehr Diablo, sondern eben Diablo 2. Und trotzdem war es ein mehr als nur würdiger Nachfolger.

Früher war also nicht alles besser, und nicht alles Neue ist schlecht. Es ist die logische Fortführung ein und derselben Idee – und die heisst Diablo.

Deimos