Herzallerliebst – Die Kolumne für den allzeit unzufriedenen D2–Veteran

Wer kennt es nicht: man kommt von der Arbeit, hat einen Tag frei, oder versucht anderweitig, lästigen Alltagsaufgaben, wie Wäschewaschen, Einkaufen oder dem endgültigen Aufstehen zu entgehen?!
Doch kaum hat man sich selbst davon überzeugt, heute, „nur noch ein Mal“, alle Fünfe gerade sein zu lassen, steht die Freundin in der Tür. Sport? HEUTE? Sorry Schatz, ich muss noch was für die Uni machen…

Schmollendes Gesicht geerntet, dafür aber Ruhe und endlich, endlich Zeit für die Lieblingsbeschäftigung: Diablo II in seiner reinsten Form: gerushed werden.
Ach nein, stopp, ich schreibe hier ja für eine renommierte Seite. Also drehen wir den Spieß um.
Natürlich hab ich alle meine Chars selber hochgespielt, keinem dieser edlen Helden wurde geholfen und keiner sah Baals Tod nur im Questbuch dank eines vielleicht doch allzu gutgläubigen Anfängers im Battle.net, der tatsächlich gedacht hat, ich würde ihm nach dem gaten auch noch helfen…

Wenn man mich fragt – und das ist ja das schöne an einer Kolumne – spitzt sich die Lage immer mehr zu. Ich entsinne mich, dass früher in den einschlägigen (hier: GUTEN) Foren selten bis nie gefragt wurde: wie level ich denn am besten meinen Hammerdin, wenn ich mit Level 4 in Hölle bin? Dies hier soll keinesfalls ein weiterer „Hau–die–Bnetkiddies“–Artikel werden; ich denke, dass wir mittlerweile genauso oft die Ergüsse genervter D2–Veteranen lesen müssen, wie die eigentlichen Auslöser ihrer Wut, die nervraubenden „Wer kauft meine 40 Hrs?“–Threads.

Ich bin der Meinung, dass vielen einfach die generelle Atmosphäre fehlt, der Grund, warum wir alle mit D2 angefangen, und irgendwie nie richtig aufgehört haben.

Erinnert ihr euch noch?

Wie aufregend war es damals, am Ende einer langen Nacht, endlich Baals Mageninhalt auf den Fluren des Weltsteinturms zu sehen, war man in dieser Zeit doch zu einer kleinen Familie zusammen gewachsen:

Der schroffe Barbar, welcher immer in vorderster Reihe den Gegnermassen zu trotzen vermochte.
Die listige Assasine, die durch gezielte Tritte und gekonnte Würfe viel Schaden austeilte.
Die fleißige Zauberin, sogleich verwundbar und dennoch todbringend.
Der urige Druide, durch die Elemente und seine vielen animalischen Freunde unterstützt.
Der mutige Paladin, der durch seine Auren immer die Zuversicht ausstrahlte.
Die anmutige Amazone, die aus großer Entfernung ihrem Namen alle Ehre machte.
Der furchteinflößende Totenbeschwörer, Meister der Gedanken und Verblichenen.

Menschen, die sich kaum oder gar nicht kannten, genossen den gemeinsamen Triumph über das Böse und teilten sich – je nach Vorliebe und Skillung – die hart erarbeiteten Gegenstände wie alte Kampfesbrüder.

Diese Stimmung ist verloren, denn sie kann nicht entstehen, zwischen den ganzen „unreifen Kids“, den wirtschaftszerstörenden Shops oder den Adbots, die es schaffen, den gesamten Bildschirm vollzuspammen, sodass man sich nicht mal mit der lieben netten Taste namens „n“ dagegen ankommt.
Die logische Konsequenz ist es, sich zurück zu ziehen, seinen eigenen kleinen Kreis zu gründen und sich nur noch mit den gleichen Kriegern „herumzuschlagen“. Das ist keinesfalls schlecht, jedoch schmälert es den Spaß und die eigentliche Idee des Spiels, gemeinsam mit ehemals völlig fremden Leuten aufregende,
ja verbindende Abenteuer zu bestreiten!

Allein die Tatsache, dass sich der schöne Teil dieses Textes in der Vergangenheitsform ließt, zeigt, wie viel diesem Spiel doch tatsächlich genommen wurde! Und so sehr die Shops, Kids, Cheater, Botter, Flamer und wie sie alle heißen mögen auch daran Anteil haben, so ist es doch auch unsere eigene Verdrossenheit, welche uns dieses damalige, einzigartige Spielgefühl verwehrt. Dieser Text ist in keiner Art und Weise als Verteidigung dieser Spielverderber gedacht, im Gegenteil, jedoch kann ich nur noch sagen: wir wissen alle, wie es ist. Keiner von uns mag es, jeder von uns wünscht sich, dass es sich ändert. Dennoch ist es uns nicht möglich, es zu beeinflussen. Unser Flehen wurde erhört – davon bin ich überzeugt – jedoch rangiert es auf den unteren Plätzen der Prioritätsliste unser aller Lieblingsspielemacher.

Mit Bedauern habe ich festgestellt, das selbst ein Ladderreset nicht mehr das ist, was er mal war. Wo vor einigen Jahren noch Ausnahmezustand herrschte, sobald die Meldung offiziell bestätigt wurde, wird heute eine Mischung aus nüchterner Zurkenntnisnahme, angenehmer Zustimmung und wüster Ablehnung verbreitet. In keiner Ladder zuvor war ich dermaßen unbeteiligt und reserviert, als ich die Nachricht erhielt und plante meiner ersten Schritte in der neuen Welt mit solcher Nüchternheit. Ich hoffe, dass dies ein Einzelfall ist, dass ich einer der wenigen bin, die diesen Zerfall spüren, aber ich fürchte, meine Zuneigung für das beste Spiel aller Zeiten weist große Risse auf.

Also nehmt euch ein Herz und versucht, trotz aller Hindernisse, das Battlenet wieder ein wenig mehr zu jenem Plätzchen werden zu lassen, wo sich so viele Heldentaten, Freundschaften und bittersüße Niederlagen vereinen, wie es nur ein Ort vermag, der wirklich magisch ist!