Wird Gewohnheitsrecht jetzt mit Füßen getreten?

Wikipedia: Gewohnheitsrecht ist ungeschriebenes Recht, das aufgrund langer tatsächlicher Übung (lat. consuetudo) und durch allgemeine Anerkennung seiner Verbindlichkeit im Sinne einer Überzeugung von der rechtlichen Notwendigkeit der Übung (lat. opinio necessitatis oder opinio iuris) entstanden ist. – Was ist daran unverständlich? Wie kann es sein, dass ungeschriebene Gesetzte plötzlich ihre Gültigkeit verlieren sollen?

Alles soll schöner werden, schneller, aufregender, dunkler und bunter – ach nein, bunter soll es ja gerade nicht werden aber eben alles besser. Kosten soll es natürlich nichts, das ist mal klar. Schließlich gibt es das Gewohnheitsrecht, welches als ungeschriebenes Gesetz nicht weniger gültig ist, nur weil es ungeschrieben ist. Seit mehr als 8,5 Jahren sind wir es gewohnt, Diablo 2 kostenlos im Battle.net zu spielen. Nach so langer Zeit tritt automatisch das Gewohnheitsrecht in Kraft. Das jetzt ändern zu wollen, ist schon allein aus rechtlicher Sicht nicht mehr möglich. Das Spielen im Battle.net hat für die Diablo-Spieler schlicht und einfach nach wie vor kostenlos zu bleiben! Das Recht, Gebühren erheben zu können, hat Blizzard verwirkt! Man stelle sich nur mal vor, der 12-jährige Sohnemann geht zu seiner Mami und verlangt plötzlich Kohle für ein Spiel, dass er seit meinetwegen vier Jahren kostenlos gespielt hat. Komme mir jetzt niemand damit, Diablo sei erst ab 16 Jahren freigegeben. Wir gehen von einem realistischen Beispiel aus und nicht von theoretischen Utopien. Es muss doch klar sein, dass der Knirps mit diesem Trick nur mehr Taschengeld einheimsen will. Woher soll die Mami auch wissen, dass Gewohnheitsrecht seit neustem mit Füßen getreten wird? Blizzard wird die Schuld an unzähligen unverdienten Ohrfeigen tragen müssen. Ein jahrelanger Rechtsstreit für Schmerzensgeld wegen Körperverletzung an Minderjährigen wäre nicht ausgeschlossen. Der Verstoß gegen das Gewohnheitsrecht verkommt dagegen zur Nebenklage.

Aber schön, wenn es denn wirklich sein muss, nähern wir uns mal den kaum existierenden Fakten und fühlen dem Rechtsbrecher mal ganz genau auf den Zahn. Werfen wir dazu als erstes einen Blick auf die Anderen. Die Diablo-Fraktion weiß, wer gemeint ist. Für die Übrigen will ich erwähnen, dass es sich um die WoW-Gemeinde handelt. Während wir uns kostenlos durch das Battle.net schnorren, dürfen die fleißig ihren monatlichen Obolus entrichten, die �“rmsten. Aber wo ist denn hier die Dramatik? So arm sind die gar nicht, denn sonst könnten die es sich gar nicht leisten und müssten wie wir, Diablo spielen. Also zahlen die mal locker 10-13 Euro pro Monat für ihren Spielspaß. Wem das zu teuer ist und partout nicht Diablo spielen möchte, der kann ja etwas für den Europäischen Völkerausgleich tun und nach Russland ziehen. Der Russe darf sein geliebtes WoW für etwa 8-10 Euro spielen. Selbstverständlich nur auf russische Server, aber es wäre ein nützlicher Beitrag zur Völkerverständigung. Und Russisch ist nun wirklich nicht so schwer zu erlernen. Wem das noch zu teuer ist, der wandert nach Asien aus und berappt seine WoW-Gebühren nach gespielten Stunden. Bezahlt wird nur für den Account, der in den letzten zwei Wochen mindestens eine Stunde lang gespielt wurde. Da lässt sich doch locker komplett für lau spielen, wenn nur genügen Accounts zur Verfügung stehen und die Spielzeit geschickt einteilt wird. Ein gewisses planerisches Talent ist dazu natürlich erforderlich. Wer sich mit Jun Zhu anfreunden kann – nein, das ist keine Meditationstherapie gegen Computerspielsucht, sondern der Geschäftsführer des Chinesischen Publishers The9 – soll halt nach China gehen. Jun Zhu steht derzeit mit Blizzard in Verhandlung für ein Free-To-Play-Modell. Freies und kostenloses Spielen für alle. Ein Himmelreich für die WoW-Gemeinde. Mögen die Spiele beginnen. Der Smog nähert sich allerdings in Form legaler Online Shops, die bares Geld in virtuelle, bunte Pixel verwandeln. Und bunte Pixel lieben die WoW-Spieler ja so sehr. Aber Diablo 3 wird doch so schön bunt, warum dann noch WoW spielen und Geld dafür ausgeben? Eines wollen wir bei all der Völkerwanderung jedoch nicht vergessen. Der WoW-Spieler ist es gewohnt, kostenpflichtig zu spielen. Er hat ein Gewohnheitsrecht auf Battle.net-Gebühren! Das darf nicht gebrochen werden!

Aber bleiben wir doch objektiv. Das alte Battle.net, Tyrael sei seiner Existenz gnädig, war schon immer da. Das war nie anders. So ein neues Battle.net kommt aber nicht daher, wie von Zauberhand. Das muss erst noch gebaut werden. Es wird so viele schöne bunte Features aufweisen, dass wir es geradezu lieben werden. Wir werden dort viel leichter zusammenkommen, einfacher miteinander kommunizieren können, einfacher zusammen spielen können und wir werden uns immer wieder finden, egal, wo wir uns im Battle.net gerade bewegen. Nicht einmal die beste Partnervermittlungsagentur kann einen solch hervorragenden Service bieten. Ich muss nicht erwähnen, dass es auch erheblich sicherer gegen Cheater, Hacker und Betrüger gesichert sein wird. Wir werden einen Voice Chat bekommen, vielleicht eine Clan-Verwaltung – was für die bürokratische Mentalität der Deutschen ohnehin sehr wichtig ist – und möglicherweise dürfen wir unsere Charaktere von Realm zu Realm transferieren lassen, wie WoW-Spieler es heute schon können. Die müssen natürlich Kohle dafür hinblättern. Das versteht sich von selbst – Gewohnheitsrecht! Nicht zu vergessen, vom fantastischen Blizzard-Level werden wir profitieren und immer sehen können, wer was in welchen Spielen bisher erreicht hat. Das neue Battle.net wird so toll, dass wir schon damit zufrieden sein werden, mit unseren Accounts nur im Battle.net eingeloggt zu sein. Wer wollte da noch ein Spiel spielen? Na ja, wir spielen ja schon seit Jahren unser Spiel. Das sind wir gewohnt und das werden wir uns vom neuen Battle.net nicht nehmen lassen. Das Gewohnheitsrecht darf nicht gebrochen werden, seien die Verlockungen auch noch so groß!

Doch schauen wir der Objektivität zuliebe mal über den Tellerrand. Wie steht es denn um die Geldbeutel anderer Communities? Geht es dort nicht schon längst den Bach hinunter? Microtransactions heißt das Zauberwort. Spielen für lau, aber für erweiterte ingame-Inhalte Bares auf die Kralle legen. Die Mailänder GameTribe bietet seinen Spielern von Dream of Mirror an, Kleidung oder Waffen für seine Charaktere für Real Cash zu kaufen. Anderenfalls muss der Spieler halt warten, bis er zufällig was Besseres im Spiel findet. Dieses Modell funktioniert schon seit Jahren für die Diablo-Welt. Ja wir können uns vor Angeboten von Itemshops kaum noch retten. Die Konkurrenz ist so groß, dass die Preise dermaßen im Keller liegen, zur Freude der gesamten Diablo-Community, dass sich wirklich jeder alles leisten kann. Es würde mich nicht wundern, wenn der Geschäftsführer von GameTribe früher Diablo gespielt und die Geschäftsidee von dort entliehen hat. Electronic Arts hat genau dieses Modell für das nächste Spiel der Battlefield-Reihe vorgesehen. Sony steht dem mit Everquest in nichts nach. „Free Realms“, aber Microtransactions, mit denen sie in zwei Jahren die Hälfte ihres Umsatzes verdienen wollen. In Korea sind Microtransaction-Games dagegen längst weit verbreitet. Während wir für FIFA etwa 50 Euro hinblättern, dürfen die Koreaner es für lau spielen. Dafür bezahlen sie für bessere Ausrüstungen ihrer Fußballmannschaften. Das Transactions-Modell ist dort sehr erfolgreich. Etwa fünf Millionen Koreaner haben FIFA gesaugt und bereits vier Millionen Transactions getätigt! Irgendwie hat Blizzard den Anschluss am Markt verpasst, so scheint es. Es wäre nur allzu verständlich, wollten sie am Itemshop-Boom auch endlich was verdienen. Unnötig zu erwähnen, dass bei diesem Bezahlmodell die Spielebalance und Fairness den Kürzeren ziehen. Aber was soll’s. Wer nicht benachteiligt sein will, kann ja ins Portemonnaie greifen. Aber das sind wir nun mal nicht gewohnt, wobei ich die locker an einer Hand abzählbare Kundschaft der Diablo-Itemshops mal außer Acht lassen möchte. Und Gewohnheitsrecht bleibt Gewohnheitsrecht!

Was wird denn nun aus unserem kostenlosen Battle.net? Erst im Februar versprach Rob Pardo, es gäbe keinerlei Microtransactions für WoW. Diese Linie vertrete er hart, denn die Spieler würden sich betrogen fühlen. Galt das nur für WoW oder dürfen wir das auch auf Diablo 3 beziehen? Fünf Monate später bestätigte er noch einmal, Diablo 3 kaufe man vollständig im Laden und es werde eher ein Modell, wie Diablo 2. Ist das eine Bestätigung für ein kostenloses Spielen im Battle.net? Die leichte Abschwächung „werde eher“ haben wir nicht überhört oder überlesen. Er hätte auch „wird“ sagen können, hat er aber nicht. Jay Wilson konkretisierte Blizzards Standpunkt im August. Wir sollten nicht erwarten, für das Spielen im Battle.net Gebühren bezahlen zu müssen. Das hätte allen Gerüchten ein Ende gesetzt, hätte er im Nachsatz nicht erwähnt, es gäbe immer die Möglichkeit, unterschiedliche Mitgliedschaftsstufen zu implementieren. Ja was denn nun? Für lau oder nicht für lau oder nur für einen Teil der Community für lau? Am 21.08. dann wird es hässlich. Mit einemmal sprudelt es aus Jay Wilson nur so heraus: Microtransactions? Ja, wenn es das richtige für das Spiel ist. Mir ist schleierhaft, wie das mit der Aussage Rob Pardos im Februar zusammenpasst. Nimmt man Rob Pardo jedoch wörtlich, hat er Microtransactions für Diablo 3 ja nicht explizit ausgeschlossen. Pay-To-Play? Ja, eventuell Regional, falls es sich für den Spieler als „Gewinn“ anfühlt. Jetzt mal Hand aufs Herz. Fühlt es sich nach Gewinn an, wenn man Geld fürs Spielen bezahlen muss? Fragt sich nur, für wen. Abo-Modell wie bei WoW? Nein, Diablo 3 sei kein MMO, sondern ein Boxed Product. Aber betrachten wir es doch positiv. Jay Wilson versichert, sie wollen die Spieler nicht abzocken. Er liebe es auch, wenn alles für lau sei. Aber leider bekomme man nicht immer alles, was man wolle. Mag der Leser selbst entscheiden, wie er diese Aussage Jay Wilsons interpretieren möchte. Ich kann an dieser Stelle nur sagen, es zählt die Macht der Gewohnheit. Wo kämen wir denn hin, ließen wir ungeschriebene Gesetzte einfach so brechen? Aber ich verstehe schon, das Gewohnheitsrecht regional unterschiedlich geregelt ist.

Von der wirtschaftlichen Seite betrachtet, sieht die Welt allerdings ganz anders aus. Mike Morhaime sagte, die bisherigen Diablo-Spiele wurden weltweit mehr als 18,5 Millionen Mal gekauft. Welche Verkaufszahlen erwartet Blizzard da von Diablo 3, bei der Gier der Community nach diesem Spiel? Ließe sich das neue Battle.net nicht nur durch den Spieleverkauf finanzieren? Zu bedenken ist, dass heutige WoW-Spieler sicherlich zu Diablo 3 wechseln werden. Schließlich ist dort das Spielen im Battle.net kostenlos und Diablo 3 ist ja genauso schön bunt wie WoW. Da fühlt man sich als WoW-Spieler doch so richtig heimisch und hat noch einen finanziellen Vorteil davon. Geht dann aber nicht Kohle auf der WoW-Seite verloren? Und muss man dem nicht mit einen gebührenpflichtigem Battle.net für Diablo 3 entgegenwirken? Das sollte wohl nicht nötig sein, denn Blizzard selbst ist fest davon überzeugt, Diablo 3 werde keine hauseigene Konkurrenz für den Goldesel WoW. Glück für uns Diablo-Spieler. Blizzard kann ihre Kohle nach wie vor den WoW-Spielern aus der Tasche ziehen. Die sind das schließlich auch gewohnt. Nach all den seltsam anmutenden Aussagen Jay Wilsons scheint es aber irgendeinen Sinneswandel bei Blizzard zu geben. Irgendwer muss denen einen Floh ins Ohr gesteckt haben, der andauernd etwas von Microtransactions und Battle.net-Gebühren flüstert. Heißt dieser Floh womöglich Activision? Die haben schließlich positive Erfahrungen mit Microtransactions verschiedenster Form. Deren Goldesel Guitar Hero beispielsweise sorgt für zusätzlich erhältliche kostenpflichtige Downloads von Spieleinhalten für eine ganze Menge Umsatz. Bei einer Verkaufszahl von 20 Millionen wird der Activision-Geldbeutel immer dicker. Dumm nur, dass Activisions Erfahrungen sich eher auf den Konsolen-Markt beschränken und weniger auf den PC-Markt. Dank Fusion mit Vivendi ist das nun Vergangenheit. Der neue Riese Activision Blizzard will von den Erfahrungen Blizzards auf dem PC-Markt lernen. Aber was wäre eine Fusion wert, lernte man nicht gegenseitig voneinander? Blizzard wird auch von den Erfahrungen Activisions etwas lernen wollen. Möglicherweise stecken sie gerade mittendrin im Lernprozess. Der stärkere Fusions-Partner ist Activision. Man möchte fast vermuten, dass Blizzard von Activision lernen MUSS. Aber nein, versicherte Jeff Kaplan. Activision könne zwar Einfluss auf das Geschäftsmodell Blizzards ausüben, tue es aber nicht. Blizzard sei nach wie vor völlig unabhängig und Mike Morhaime könne als weltweit erfolgreicher Geschäftsmann seine eigenen Wege gehen und eigene Ideen durchsetzen. Vertrauen wir doch einfach darauf. Wir wollen ignorieren, dass die Warner Music Group ein großes Stück des Guitar Hero-Kuchens, der sich auf eine Milliarde US Dollar beziffert, von Activision abzwingen möchte. Wir wollen nicht glauben, dass Activision Blizzard Wege sucht, anderweitig solch drohende Verluste aufzufangen, ja noch nicht einmal darüber nachdenkt. Blizzard bleibt unabhängig. Das sei immer so gewesen, sagt Jeff Kaplan, egal wer in Vergangenheit der Eigner dieses erfolgreichen Unternehmens war. Na ja, schließlich sind sie es auch gewohnt, unabhängig zu sein. Und das für uns geltende Gewohnheitsrecht zum kostenlosen Battle.net steht natürlich auch Blizzard für ihre Unabhängigkeit zu!

Bleibt noch zu erwähnen, dass laut Umfrage bei mehr als 20.000 Spielern etwa 70% aller Diablo-Spieler dem Battle.net fernblieben, sollte es etwas kosten. Ob dies nun realistisch ist, mag der Leser selbst beurteilen. Schon seit langem ziehen sich viele Spieler in den Singleplayer-Modus zurück, um den Missständen des alten Battle.nets zu entfliehen. Die benutzen nicht einmal mehr das kostenlose Battle.net. Sie sind ihr einsames Dasein in Saktuario ohne Partyplay mittlerweile gewohnt. Ob sie für das neue Battle.net zurück gewonnen werden können, bleibt abzuwarten. Gewohnheitsrecht lässt sich ebenso schwer brechen, wie lang gepflegte Gewohnheiten. Dafür muss man schon etwas bieten, etwas, was sich für den Spieler als „Gewinn“ anfühlt.

Nun schreibe ich hier die Ganze Zeit über die von Leid geplagten Diablo- und WoW-Spieler und vergaß, dass die StarCraft 2-Spieler doch ebenfalls vom neuen Battle.net profitieren werden. Bei allen fehlenden Fakten, eines ist doch mal ganz klar. StarCraft 2 steht als erstes in den Startlöchern und ihr werdet auch die ersten sein, die dafür bezahlen. Gewöhnt euch schon mal daran.